"Ein kleines Körnchen reicht..."
Die Rostocker Christusgemeinde lädt zum Pastoralgespräch ein
Bericht in der Neuen Kirchenzeitung vom 16. Mai 2004 

Rostock  – Es ist ein unscheinbares weißes Körnchen. Aber ohne dieses Körnchen gäbe es kein Leben auf der Erde: das Salz. Nun soll es sogar die Zukunft des Erzbistums beleben und würzen... "Das Salz des Nordens" heißt das Motto des bistumsweiten Pastoralgespräches, zu dem Gemeinden jetzt aufrufen. Salzstreuer, das sollen dabei die Gemeindemitglieder selbst sein. Sie sollen Fragen von Glaube und Kirche diskutieren und somit Anregungen zu Verbesserungen geben. Erzbischof Werner Thissen möchte mit dieser Initiative die Freude am Glauben und den Zusammenhalt "in schwerer werdenden Zeiten stärken" sowie "die Weichen für die Zukunft gemeinsam stellen". Soweit die Theorie! Wie sieht das in der Praxis aus?

Kürzlich hatte die Christusgemeinde Rostock zum Pastoralgespräch geladen: Fast leer ist der Kirchenraum. 25 Gläubige, inklusive Pfarrer Eberlein und Kaplan Norbert Tober. Nach einem kurzen Gebet werden sie in Fünfer-Gruppen aufgeteilt, zum Diskutieren. Jede mit einem Fragebogen in der Hand. Die Gruppe um Gemeindereferentin Karin Wiaterek verschwindet für eine Stunde in ihrem Büro. Zunächst Stille. Kritisch beäugen die Gemeindemitglieder ihre Zettel, die irgendwie an Marktanalysen erinnern. Verschiedene Fragen und viele Antwortmöglichkeiten. Die Aufgabe: ankreuzen. Von 1 wie unwichtig, bis 10 wie sehr wichtig.

Was ist Ihnen an Ihrem Glauben wichtig? A: Mein Leben bekommt einen Sinn, B: Ich fühle mich bei Gott geborgen. C: Ich brauche keine Angst zu haben...

Doch die Stifte ruhen. "Ich kann mit den Fragen nichts anfangen", sagt Dieter Zelck. "Wichtig ist doch zu wissen, wie geht es den anderen mit den Fragen. Eine Bewertung ist mir da schnuppe! Das ist viel zu theoretisch." Ein Mann mit weißem Haar, rechts neben ihm: "Zum Beispiel diese Antwort mit der Angst. Angst gehört doch zum Leben dazu. Sie ist manchmal auch was Gutes. Warum sollte ich keine Angst haben, nur weil ich glaube? Aber der Glaube kann meine Angst erträglich machen." Nach einer Viertelstunde ist kein Kreuz gesetzt. Zu viele verschiedene Meinungen. "Vielleicht sollten wir daraus einen Durchschnitt bilden..." Die Zeit rennt.

Schnell wechselt die Gruppe zum zweiten Themenkreis. Wodurch wird das Gemeindeleben bei Ihnen geprägt? Lebendige Kinderpastoral? Kreuz bei 10. Durch ansprechende Gottesdienste? Kreuz bei 8. Caritasarbeit: 7. Bei der Antwortmöglichkeit "Gesprächskreise über Glaubensfragen" kommt die Diskussion plötzlich ins Stocken. Karin Wiaterek: "Wir haben so viele Angebote: Bibelkreise, Familienkreise, Jugendgruppen." Aber was ist mit denen, die weder jugendlich sind, noch eine Familie haben. Kommen die nicht zu kurz?" Apropos kurz. Noch wenige Minuten, dann ist die Stunde um. Und die letzte, vielleicht wichtigste Frage, ist noch nicht beantwortet: "Was möchten Sie in Ihrer Gemeinde (...) langfristig erreichen? In welche Richtung soll das Erzbistum in Zukunft steuern?" Schnell ist die Antwort formuliert. "Die Gemeinschaft mehr pflegen. Ihr helfen, sich auch weiterhin an ihrem Glauben zu freuen. Wir müssen mehr versuchen, Familien an die Gemeinde zu binden und mehr für die Gruppe der Gemeindemitglieder ab 20 tun."

Dann geht es wieder in die Kirche. Die Gruppen sollen ihre Erkenntnisse vorstellen. Zum Abschluss das "Vater Unser". Und weitere Fragen. Was hat das Ganze nun gebracht? Gisela Owsinski, Vorsitzende des Gemeinderates, fasst zusammen: "Wenn man sich nicht von Zeit zu Zeit solche Fragen stellt und diskutiert, wird manches oberflächlich, man verliert die Sensibilität gewissen Dingen gegenüber. Die Fragen helfen, sich diese Dinge wieder ins Bewusstsein zu rufen, wieder sensibler zu werden." Aber auch kritische Töne waren zu hören: "Die Fragen sind viel zu kompliziert, oft nicht verständlich. Aber sie helfen, gemeinsam den Glauben wieder lebendig zu machen. Sie stellen die Gemeinden vor Ort vor neue Herausforderungen."

Aber was können die nur 25 Gläubigen, die sich zum Pastoralgespräch "Das Salz des Nordens" trafen, überhaupt bewegen? Gisela Owsinski: "Es ist nicht wichtig, wie viele dabei waren. Denn: Sie streuen die Fragen und Anregungen in ihren Familien und Freunden. Wir haben die Fragen in den verschiedenen Gesprächskreisen analysiert. Diese streuen sie, wie das Salz im Meer, weiter und weiter."

Und immerhin: Nur 15 Gramm Meeressalz pro Liter schaffen es, die ganze Ostsee zu versalzen...

Matthias Saretz

 

 

 


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